Das große Verblöden


Es gibt Momente, in denen man in eine Kommentarspalte schaut und denkt: Vielleicht hatte die Pest doch ihr Gutes. Dann schämt man sich. Dann schaut man nochmal hin. Dann schämt man sich nicht mehr.

Willkommen im Jahr 2026. Einem Jahr, in dem man für das Lesen eines 1026-Wörter-Artikels als „Nerd" gilt. In dem Influencer Ratschläge zur Gesundheitsvorsorge erteilen, während ausgebildete Ärzte auf Social Media um Aufmerksamkeit betteln müssen. In dem „Ich hab das irgendwo gehört" als Quellenangabe gilt. Die Frage ist nicht mehr: Sind wir wirklich so geworden? Die Frage ist: Wie schnell geht es noch weiter?

„Klug zu sein ist nicht schwer. Es ist nur unglaublich unbequem geworden."


Cipolla wusste es. Wir haben nicht zugehört.

Der italienische Wirtschaftshistoriker Carlo M. Cipolla veröffentlichte 1976 sein kleines, böses Meisterwerk: Die fünf Grundgesetze der menschlichen Dummheit . Es war als Satire gedacht. Heute liest es sich wie ein Prophezeiungsband.

Cipollas Kernthese ist erschreckend simpel: Ein dummer Mensch ist nicht jemand mit niedrigem IQ. Ein dummer Mensch ist jemand, der anderen Schaden zufügt, ohne dabei selbst einen Nutzen zu erzielen. Reine, destillierte Irrationalität im Dienste des Nichts. Sein Drittes, und wichtigstes, Grundgesetz lautet: Die Anzahl der Dummköpfe in einer Gesellschaft wird stets unterschätzt. Immer. Ohne Ausnahme.

Die Matrix der menschlichen Typen

Typ Verhalten Charakteristik
Der Kluge Handelt zu seinem Vorteil, und nützt dabei auch anderen. Das seltene Ideal
Der Bandit Handelt zu seinem Vorteil, auf Kosten anderer. Wenigstens konsequent
Der Hilflose Schadet sich selbst, während er anderen nützt. Ein tragischer Held
Der Dumme Schadet anderen, ohne jeglichen eigenen Gewinn. Das eigentlich Gefährliche

Was Cipolla dabei besonders betonte: Dummheit kennt keine soziale Klasse, keine Ausbildung, keinen Titel. Es gibt dumme Professoren. Dumme Politiker, nun ja, da braucht man nicht lange suchen. Dumme CEOs. Das Diplom schützt vor Dummheit so zuverlässig wie ein Regenschirm vor einem Tsunami.


Das System belohnt die Falschen

Aber hier ist das eigentliche Problem, das Cipolla noch nicht in seiner vollen digitalen Blüte erleben durfte: Wir haben eine Infrastruktur gebaut, die Dummheit aktiv belohnt.

Algorithmen sind auf Klicks optimiert. Empörung erzeugt Klicks. Vereinfachung erzeugt Klicks. Nuancierte Analyse dagegen, die Art von Denken, für die man früher Bücher kaufte, Vorlesungen besuchte und sich ernsthaft anstrengte, sucht man vergebens in unserer Gesellschaft. Die Aufmerksamkeitsökonomie ist kein neutrales System. Sie ist eine Art Darwinselektion. Und sie selektiert gerade mit erschreckender Effizienz das Oberflächliche, das Laute, das Empörende auf Kosten des Durchdachten.

„Nicht die Dummen haben gewonnen. Die Strukturen haben gewonnen, die Dummheit profitabler machen als Klugheit."

Klug zu sein kostet heute etwas. Es kostet Zeit, weil man tatsächlich lesen muss. Es kostet Komfort, weil man die eigene Meinung regelmäßig revidieren muss, wenn neue Fakten auftauchen. Es kostet sozialen Stress, weil man in vielen Kreisen der ungemütlichste Mensch im Raum wird, sobald man anfängt, Quellen zu verlangen. Dummheit hingegen ist bequem, gemeinschaftsstiftend und oft verdammt nochmal lustig anzuschauen, solange man selbst nicht in der Schusslinie steht.


Idiocracy: Der Film war kein Science-Fiction

2006 drehte Mike Judge einen Film namens Idiocracy. Die Prämisse: Ein durchschnittlicher Amerikaner wacht im Jahr 2505 auf und ist der intelligenteste Mensch der Erde. Die Welt ist regiert von Wrestling-Stars. Der Präsident der USA ist vor allem berühmt für sein Gebaren. Pflanzen werden mit Energydrinks bewässert, weil — Elektrolyte! Heute hat dieser Film bei mir Kultstatus. Das Irrationale daran: nicht weil er so gut gealtert ist, sondern weil wir uns in ihm wiedererkennen.

Judge stellte eine evolutionäre These auf: Hochgebildete, wohlhabende Menschen bekommen statistisch weniger und später Kinder. Menschen mit geringerer Bildung bekommen mehr Kinder und früher. Über Generationen — so die satirische Übertreibung — führe das zu einer demografischen Verschiebung des mittleren Intelligenzniveaus nach unten. Das ist biologisch höchst umstritten, demografisch vereinfacht und politisch ein Minenfeld. Und dennoch trifft der Film etwas Reales — nur andersherum: nicht durch Fortpflanzung, sondern durch Anreize.

Das Idiocracy-Szenario entfaltet sich nicht in unseren Genen. Es entfaltet sich in unseren Institutionen, unseren Medien, unseren Wahlkabinen. Wenn die lauteste Stimme immer gewinnt. Wenn Komplexität als Elitismus gilt. Wenn „Ich verstehe das nicht" nicht der Beginn einer Lernreise ist, sondern normalität.


Was also tun?

Cipolla war kein Optimist. Sein fünftes Grundgesetz ist das nihilistischste: Ein dummer Mensch ist der gefährlichste Mensch der Welt. Gefährlicher als der Bandit, denn der Bandit hat wenigstens ein Ziel. Der Dumme handelt chaotisch, unberechenbar, ohne Nutzen für irgendjemanden und damit systemisch destruktiv.

Was bleibt, ist keine heroische Antwort. Klugheit ist kein Erlösungsversprechen. Aber sie ist vielleicht ein kleiner, stiller Widerstandsakt. Bücher lesen, die länger sind als ein Thread. Meinungen ändern, wenn Argumente es verlangen. Unbequeme Fragen stellen, auch wenn die Gruppe das ungern sieht. Und das Schwierigste anderen Menschen die Würde der Komplexität zuzugestehen, anstatt sie in eine der vier Quadranten von Cipollas Matrix zu stecken.

„Die Welt geht nicht an Schurken zugrunde. Sie verblödet sich in Bequemlichkeit."

Vielleicht ist das der eigentliche Luxus unserer Zeit: nicht das neueste iPhone, nicht das Flugtaxi, nicht das beste KI-Modell, Sondern die stille, anachronistische Entscheidung, sich wirklich für etwas zu interessieren. Tief. Lange. Ohne sofortige Belohnung.

Carlo M. Cipolla würde wahrscheinlich sagen: Viel Erfolg. Und dann würde er seufzen.


Hier noch die fünf fundamentalen Gesetze bzw. Prinzipien der Dummheit, die Cipolla satirisch in seinem Werk Die Prinzipien der menschlichen Dummheit beschreibt:

  1. Stets und unvermeidlich wird die Zahl der im Umlauf befindlichen dummen Individuen unterschätzt.

  2. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Person dumm ist, besteht unabhängig von jeder anderen Eigenschaft dieser Person. Demzufolge gibt es einen stets gleich hohen Anteil an Dummen in allen gesellschaftlichen Gruppen, sowohl bei Hausmeistern wie bei Universitätsprofessoren.

  3. Ein dummer Mensch ist jemand, der einer anderen Person oder einer Gruppe von Personen Schaden zufügt, ohne selber dabei Gewinn zu erzielen und dabei u. U. sogar zusätzlichen Verlust macht (das sogenannte „goldene Prinzip“).

  4. Menschen, die nicht dumm sind, unterschätzen stets das Gefährlichkeitspotential dummer Menschen. Vor allem vergessen Menschen, die nicht dumm sind, ständig, dass Verhandlungen und/oder Verbindungen mit dummen Personen zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort und in jedem Fall sich unweigerlich als teurer Irrtum herausstellen werden.

  5. Eine dumme Person ist der gefährlichste Typ aller Personen.

Gedankenquellen & Leseempfehlungen: Carlo M. Cipolla: Die fünf Grundgesetze der menschlichen Dummheit · Mike Judge: Idiocracy (2006)

„Wir lesen uns.“ Euer JohnJayMcKaye